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Gold gilt seit vier Jahren als überteuert. Warum die Modelle irren

Wer heute nach einer Einschätzung sucht, ob Gold teuer ist, findet zahlreiche Analysen mit einem klaren Urteil: Nach den gängigen Bewertungsmodellen ja. Dieselben Modelle melden allerdings seit 2022 ununterbrochen eine Überbewertung, während der Preis seither deutlich gestiegen ist. Das ist weder Zufall noch Rechenfehler – der Maßstab, mit dem sie arbeiten, beschreibt die Wirklichkeit nicht mehr. Wir schauen uns an, woran der Preis von Anlagegold zwanzig Jahre lang gemessen wurde, warum das nicht mehr gilt und was daraus für jemanden folgt, der Goldbarren tatsächlich kauft.

Woran Gold zwanzig Jahre lang gemessen wurde

Gold zahlt niemandem etwas aus. Es hat keinen Kupon wie eine Anleihe, keine Dividende wie eine Aktie und keine Zinsen wie ein Sparkonto. Es zu halten kostet also etwas – nämlich genau das, was das Geld anderswo eingebracht hätte. Man nennt das Opportunitätskosten, und gemessen werden sie an der Realrendite von Staatsanleihen, also der Rendite nach Abzug der erwarteten Inflation.

An einem Beispiel: Bringt eine Staatsanleihe fünf Prozent und liegt die Inflation bei zwei, verdienen Sie real drei Prozent. Gold muss in dieser Lage mindestens ebenso viel zulegen, nur um mit der Anleihe gleichzuziehen. Fällt die Realrendite dagegen unter null, wie in den Jahren 2020 und 2021 geschehen, verliert die Anleihe an Kaufkraft und das zinslose Gold ist plötzlich konkurrenzfähig.

Aus dieser Überlegung entstanden Bewertungsmodelle, und sie funktionierten bemerkenswert genau. Etwa seit der Jahrtausendwende galt: Verschob sich die US-Realrendite um einen Prozentpunkt, bewegte sich der Goldpreis um rund vierzehn Prozent in die Gegenrichtung. Darauf bauten Analysten ihre Kursziele auf, denn es genügte, die Zinsen zu schätzen.

Wann der Maßstab versagte

Der Bruch dieses Zusammenhangs lässt sich an zwei Zeiträumen zeigen, ganz ohne Modell. Die Daten hat die Financial Times auf Basis von Berechnungen der Investmentbank UBS beschrieben.

Zeitraum US-Realrenditen (5 Jahre) Laut Modell hätte Gold Tatsächlich
März 2022 – Oktober 2023 Anstieg um mehr als 4 Prozentpunkte rund 55 % verlieren müssen Anstieg um 7 %
Oktober 2023 – 2025 Rückgang um knapp einen Prozentpunkt leicht zulegen Anstieg um 110 %

Die erste Zeile ist für die alte Logik tödlich. Es geht nicht um eine Abweichung von einigen Prozent, sondern um den Unterschied zwischen einem prognostizierten Kurssturz um die Hälfte und einem tatsächlichen Anstieg. Die zweite Zeile zeigt die andere Hälfte des Problems: Auf sinkende Zinsen fiel die Reaktion viel heftiger aus als vorgesehen. Der Zusammenhang ist also nicht verschwunden, aber er ist nicht mehr symmetrisch – billiger werdendes Geld hilft dem Gold, teurer werdendes schadet ihm kaum.

„Gold reagiert heute viel stärker auf sinkende Realrenditen und viel weniger auf steigende. Diese Asymmetrie hat die meisten bestehenden Fair-Value-Modelle veralten lassen.“

Bhanu Baweja, Chefstratege der UBS Investment Bank, gegenüber der Financial Times

Was Gold statt des Zinses zu messen begann

Wenn ein Vermögenswert aufhört, den Leitzinsen zu folgen, reagiert er auf etwas anderes. Bei Gold ist dieses andere das Vertrauen in den Schuldner. Eine Staatsanleihe ist das Versprechen eines Staates, in zehn Jahren Geld auszuzahlen. Der Preis dieses Versprechens hängt nicht nur vom Zins ab, sondern auch davon, wie sicher es ist und ob es jemand unmöglich machen kann.

Genau diese Frage stellte das Jahr 2022, als sich zeigte, dass in ausländischen Staatsanleihen gehaltene Währungsreserven durch eine politische Entscheidung unzugänglich werden können. Für Reservemanager war das keine philosophische Debatte, sondern ein operatives Risiko, das bis dahin niemand eingepreist hatte. Gold im eigenen Tresor hat keinen Emittenten und lässt sich aus der Ferne nicht entwerten.

Es folgte eine Verschiebung, die in den Daten gut sichtbar ist. Zentralbanken der Schwellenländer und Staatsfonds hoben den Goldanteil ihrer Reserven von etwa 5 bis 7 Prozent auf rund 11 Prozent an. Bei den entwickelten Ländern, die nie aufgehört haben, große Bestände zu halten, liegt er bei etwa 26 Prozent. Der Abstand zwischen 11 und 26 Prozent zeigt, wie viel Spielraum zum Nachkaufen noch bleibt.

Die Anleihe ist keine Versicherung mehr

Die zweite Hälfte der Erklärung liegt außerhalb des Goldes. Eine Staatsanleihe kauft man nicht wegen der Rendite ins Portfolio, sondern weil sie steigt, wenn Aktien fallen, und den Verlust dämpft. Diese Rolle bröckelt seit Jahren.

Ende August 2026 kletterten die Renditen europäischer zehnjähriger Staatsanleihen auf Niveaus, die der Markt jahrelang nicht gesehen hatte.

Land Rendite zehnjähriger Anleihen Anmerkung
Frankreich 4,16 % höchster Stand seit 2008
Italien 4,15 % –
Spanien 3,76 % –
Portugal 3,67 % –
Deutschland 3,31 % höchster Stand seit 2011

Rendite und Kurs einer Anleihe bewegen sich gegenläufig: Eine steigende Rendite bedeutet, dass der Halter im Minus ist. Das betrifft auch viele Haushalte, ohne dass sie es merken – Rentenfonds bilden das Rückgrat konservativer Anlagestrategien und vieler Altersvorsorgeprodukte.

Der Analyst Vincent Deluard von StoneX ergänzt eine Beobachtung vom US-Markt: Bei den vergangenen drei Aktienkorrekturen fielen nicht nur die Aktien, sondern gleichzeitig auch US-Staatsanleihen und der Dollar. Die Versicherung versagte also genau in dem Moment, in dem sie ihre Funktion hätte erfüllen sollen.

„US-Staatsanleihen rentieren weiterhin unter dem neutralen Zins von 5 bis 6 Prozent und verlieren bei von den Vereinigten Staaten ausgelösten Krisen an Wert, weil Ausländer sie abstoßen.“

Vincent Deluard, StoneX

Dahinter steht eine Verschuldung, die niemand teurer finanzieren möchte. Die US-Staatsverschuldung hat in diesem Jahr 39 Billionen Dollar überschritten, und nach Schätzungen der UBS dürfte sich die öffentliche Verschuldung im kommenden Jahrzehnt in etwa verdoppeln. Eine Regierung, die ein solches Volumen jedes Jahr refinanzieren muss, hat ein starkes Interesse an niedrigen langfristigen Zinsen – auch um den Preis, dass die Notenbank die Zinsen niedriger hält, als es die Inflation nahelegen würde. Ökonomen nennen das fiskalische Dominanz, und für Gold ist es eine von beiden Seiten günstige Kombination: niedrigere Realzinsen und zugleich mehr Misstrauen gegenüber langlaufenden Staatsschulden. Es ist die jüngste Ausprägung eines alten Problems, das wir im Artikel Geld ist ein Tauschmittel, kein Wertspeicher beschreiben.

Was das für den Käufer bedeutet

Für Käufer außerhalb des Dollarraums kommt ein weiterer Faktor hinzu: der Wechselkurs. Gold wird in Dollar notiert, der Euro-Preis entsteht also aus Dollarpreis und EUR/USD-Kurs. Ein starker Euro dämpft einen Teil des Anstiegs, ein schwacher verstärkt ihn.

Die zweite Sache, die Fair-Value-Modelle überhaupt nicht behandeln, ist der Unterschied zwischen dem Preis des Metalls und dem Preis eines konkreten Barrens. Der Aufschlag für die Verarbeitung sinkt mit dem Gewicht, aber nicht gleichmäßig – die aktuellen Preise der Argor-Heraeus-Barren bei GOLDU zeigen es genau:

Barren Argor-Heraeus Preis Preis pro Gramm
1 g 132,61 € 132,61 €
10 g 1 234,48 € 123,45 €
20 g 2 459,31 € 122,97 €
1 Oz (31,1 g) 3 872,97 € 124,52 €

Zwischen der teuersten und der günstigsten Variante liegen rund acht Prozent pro Gramm – mehr, als der jährliche Abstand zwischen einer optimistischen und einer pessimistischen Preisprognose ausmacht. Die Wahl des Gewichts ist für das Ergebnis also wichtiger als die Schätzung, wo der Goldpreis in einem Jahr steht. Ausführlich rechnen wir das im Artikel Aufschlag bei Gold: Preis pro Gramm vor.

Wann die alte Regel wieder gelten wird

Es handelt sich nicht um ein dauerhaftes Gesetz, sondern um einen Zustand, der enden kann. Damit Gold wieder den Realzinsen folgt, müssten die Inflation und ihre Schwankungen zurückgehen, Anleihen müssten wieder steigen, wenn Aktien fallen, und Reservemanager müssten aufhören, Staatsschulden als politisch verwundbar zu betrachten. Nichts davon ist bisher eingetreten. Wenn es so weit ist, werden Anleihen mit realer Rendite wieder eine starke Konkurrenz für ein Metall sein, das nichts ausschüttet – das ist die redliche Kehrseite dieser Überlegung.

Was Sie mitnehmen sollten

Für private Anleger ändert sich nicht das Instrument, sondern der Grund. Gold ist heute keine Wette darauf, dass die Notenbank die Zinsen senkt, sondern eine Versicherung dagegen, dass auf der Seite der Staatsschulden etwas schiefgeht – und eine solche Versicherung kauft man nicht danach, ob sie gerade billig ist. Laut World Gold Council halten Anleger nur rund drei Prozent ihres Finanzvermögens in Gold; schon eine kleine Verschiebung dieses Anteils bedeutet ein großes Nachfragevolumen.

Praktisch heißt das eher regelmäßige kleinere Käufe als der Versuch, den Tiefpunkt zu treffen, physisches Metall statt Papieransprüchen und ein vernünftiges Gewicht. Wie viel Gold ins Portfolio gehört, behandeln wir im Beitrag Wie viel Gold im Portfolio; die Unterschiede zwischen physischem, Papier- und Minengold erklärt Papiergold, Minenaktien oder physisches Gold. Zum schrittweisen Aufbau einer Reserve passt Gold regelmäßig kaufen. Ergänzend zu Goldmünzen und Barren kommt Anlagesilber mit niedrigerem Einstiegspreis in Frage.

Häufige Fragen

Was ist die Realrendite und warum wird Gold daran gemessen?

Es ist die Rendite einer Staatsanleihe nach Abzug der erwarteten Inflation, also der tatsächliche Zuwachs an Kaufkraft. Gold wirft keine Rendite ab, deshalb stellt die Realrendite den Preis dafür dar, dass Sie Ihr Geld im Metall statt in einem verzinsten Wert halten.

Heißt das, Zinsen beeinflussen den Goldpreis nicht mehr?

Doch, aber ungleichmäßig. Auf sinkende Realrenditen reagiert Gold deutlich, auf steigende nur schwach. Die Zinsen bleiben damit einer der Faktoren, sind aber nicht mehr der wichtigste.

Warum brach es ausgerechnet 2022?

Weil sich erstmals in der jüngeren Geschichte zeigte, dass in Staatsanleihen entwickelter Länder gehaltene Reserven durch eine politische Entscheidung eingefroren werden können. Seither rechnen Reservemanager mit einem Risiko, das in keinem Modell vorkam, und verlagern einen Teil der Reserven in ein Metall ohne Emittenten.

Ist Gold nach einem solchen Anstieg nicht überteuert?

Modelle auf Basis der Realrenditen bezeichnen es seit 2022 als überteuert und lagen bislang jedes Jahr falsch. Eine Garantie für weitere Zuwächse ist das nicht – nur ein Grund, sich nicht auf einen einzigen Maßstab zu verlassen. Der Preis kann auch in einem sonst günstigen Umfeld fallen.

Was hat ein europäischer Anleger mit US-Zinsen zu tun?

Gold wird in Dollar gehandelt, der Euro-Preis ergibt sich aus Dollarpreis und Wechselkurs. Ein aufwertender Euro nimmt einen Teil des Anstiegs weg, ein abwertender verstärkt ihn. Über längere Zeiträume dämpft der Wechselkurs die Schwankungen eher.

Soll ich auf einen Rücksetzer warten oder schrittweise kaufen?

Das Timing gelingt selbst Institutionen mit Modellen und Daten nicht zuverlässig. Regelmäßige kleinere Käufe mitteln den Preis über die Zeit und nehmen den Druck von einer einzigen richtigen Entscheidung. Der Unterschied zwischen den Gewichten ist zudem meist größer als der zwischen einem Kauf heute und in einem Monat.

Über den Autor

HEFFO, Blogger bei GOLDU, sieht alles im Zusammenhang. Aus einem Berg weltweiter Zahlen und Nachrichten fischt er das Wesentliche heraus und liefert eine Schlussfolgerung, mit der Sie nicht gerechnet hätten. Die Präzision seiner Schlüsse und seine Liebe zur Schokolade verraten, dass er seit Langem in der Schweiz lebt.

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