Wie sich Gold bei großen Börsencrashs verhalten hat
Über Anlagegold wird oft als „sicherer Hafen“ in der Krise gesprochen. Die Realität ist allerdings differenzierter – die Geschichte zeigt, dass sich Gold bei verschiedenen Börsencrashs jedes Mal anders verhalten hat. In diesem Artikel sehen wir uns drei konkrete Fälle an: die Finanzkrise 2008, den Corona-Einbruch 2020 und das Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende.
Finanzkrise 2008: erst der Fall, dann eine Rekordrally
Im März 2008, zur Zeit des Zusammenbruchs von Bear Stearns, erreichte Gold ein damaliges Rekordhoch von über 1 000 USD je Unze. Nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 kam jedoch eine paradoxe Wende: Gold gab zusammen mit Aktien kräftig nach, weil Anleger Nachschussforderungen (Margin Calls) bedienen mussten und Bargeld brauchten – verkauft wurde buchstäblich alles, Gold eingeschlossen. Der Preis fiel bis auf ein Jahrestief von rund 700 USD je Unze, also etwa 30 % unter das Märzhoch.
Das Jahr 2008 schloss Gold am Ende leicht höher, als es begonnen hatte – anders als die Aktienindizes, die über 30 % verloren. Und vom Herbsttief aus folgte eine kräftige mehrjährige Rally: Bis August 2011 stieg der Goldpreis auf rund 1 900 USD je Unze, also um mehr als 150 % in weniger als drei Jahren.
Corona-Einbruch 2020: blitzschneller Fall und blitzschnelle Erholung
Ein ähnliches Muster wiederholte sich im März 2020. Als die Märkte in Panik alles Liquide verkauften, gab Gold kurzfristig um rund 12 % nach und fiel Mitte März 2020 auf rund 1 470 USD je Unze. Sobald die Zentralbanken (vor allem die Fed) eine beispiellose geldpolitische Lockerung ankündigten, drehte Gold jedoch kräftig nach oben.
Schon am 6. August 2020 erreichte Gold ein damaliges Allzeithoch von rund 2 067 USD je Unze – ein Anstieg um etwa 40 % in weniger als fünf Monaten seit dem Märztief. Das Gesamtjahr 2020 schloss Gold mit einem Plus von rund 25 % ab, einem der stärksten Jahreszuwächse der letzten Jahrzehnte.
Das Platzen der Dotcom-Blase (2000–2002): die Ausnahme, die die Regel bestätigt
Die Dotcom-Blase ist ein interessantes Gegenbeispiel. Der Nasdaq-Index fiel zwischen März 2000 und Oktober 2002 um rund 77 %, doch Gold reagierte nicht mit sofortigem Anstieg. Im Gegenteil – im Jahr 2000 notierte Gold um 280 USD je Unze, nahe seinem mehrjährigen Tief, weil steigende Aktien und Technologiewerte in den 1990er-Jahren Kapital abgezogen hatten.
Gold erwachte erst mit Verzögerung – als die Fed nach dem Platzen der Blase die Zinsen senkte, begann eine lange Hausse: von rund 255 USD je Unze im Jahr 2001 auf über 800 USD je Unze im Jahr 2007 und weiter zu den Rekorden von 2011 und 2020. Die Reaktion war also nicht sofortig wie 2008 und 2020, sondern strukturell und über mehrere Jahre verteilt.
Was man daraus mitnehmen kann
Aus der Geschichte ergeben sich zwei wichtige Lehren. Erstens: In der akuten Krisenphase (2008, 2020) fiel Gold kurzfristig zusammen mit anderen Anlagen – eine Folge von Zwangsverkäufen aus Liquiditätsbedarf, kein Versagen des Goldes als Wertspeicher. Erst mit einigen Wochen bis Monaten Abstand, als die Zentralbanken mit Lockerung reagierten, zeigte sich seine Rolle als sicherer Hafen. Zweitens: Der Dotcom-Crash zeigt, dass Gold nicht auf jeden Aktienrückgang gleich reagiert – es kommt auf den breiteren makroökonomischen Zusammenhang an (Zinsen, Inflation, Nachfrage der Zentralbanken), wie auch der Artikel Warum Gold in Zeiten geopolitischer Unsicherheit steigt beschreibt.
Die kurzfristige Volatilität von Gold in der akuten Krisenphase ist auch ein Grund, warum viele Anleger physisches Gold in eigener Verwahrung papierbasierten Formen vorziehen – mehr dazu im Artikel Physisches Gold vs. Papiergold.
Häufige Fragen
Fällt Gold zu Beginn einer Krise immer?
Nicht immer, aber 2008 und 2020 schon – kurzfristig, wegen Zwangsverkäufen zur Liquiditätsbeschaffung während des panischen Marktrückgangs. Es war ein vorübergehendes Phänomen, kein langfristiger Trend.
Warum reagierte Gold auf den Dotcom-Crash anders als auf die Krisen 2008 und 2020?
Im Jahr 2000 lag Gold nach einem langen Kapitalabfluss in Aktien nahe einem mehrjährigen Tief. Seine Erholung kam erst mit Verzögerung, im Zuge der Zinssenkungen der Fed, nicht als unmittelbare Reaktion auf den Aktienrückgang.
Heißt das, dass Gold das Portfolio in jeder künftigen Krise schützt?
Die historischen Daten zeigen ein wiederkehrendes Muster, doch die vergangene Entwicklung garantiert kein künftiges Preisverhalten. Gold ist als langfristiger Bestandteil eines diversifizierten Portfolios zu sehen, nicht als Instrument für kurzfristiges Market-Timing. Die Preisangaben sind gerundete Richtwerte.
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Über den Autor
Adolf Baumann, Analyst bei der Baumann Group a.s. (GOLDU), beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Edelmetallen. Er hat an den Märkten Euphorie, Crashs und Panik erlebt – und es macht ihm immer noch Spaß. Er erklärt verständlich, was den Gold- und Silberpreis bewegt und wie man mit Edelmetallen ohne unnötige Fehler umgeht. Seine Schwäche? Er will keinen Anzug tragen.



